Unterwegs in Corona – Teil 2

Fünf Projekte

Fünf Projekte begleiteten mich durch die Lockdown-Wochen. Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können. Verbindend war, dass sie kurzfristig viel Zeit brauchten, mir und anderen gut taten und sie mir Sinn und einen klaren Zeitrahmen gaben.

  1. Ein sechs Kilo Weltatlas

Kaum war ich im Februar aus Australien heimgekehrt, da schlossen die Grenzen. Noch kannte ich anstrengende Zollformalitäten und bunte Stempel im Reisepass von früher, aber gesperrte Grenzübertritte rund um die Schweiz, hatte auch ich noch nicht erlebt, trotz „Alter“.

Deshalb bestellte ich mir den grössten und schwersten Weltaltas. „Der grosse Kosmos Weltatlas“. Mit dem Zeigefinger wollte ich reisen, Grenzen absuchen und Länder erkunden. Es war einfach erholsam. Wie früher studierte ich Landkarten, erinnerte mich an Hauptstädte, Flüsse, Berge und Meere. Meine Finger begleiteten mich Seite um Seite in die Länder, die ich gesehen hatte und erinnerten mich an Abenteuer, die ich erlebt hatte. Das beklemmende Gefühl, der Strassen versperrenden Schlagbäume, verdrängte ich erfolgreich. Wie lange würden wir eingesperrt sein? Nun liegt der Weltatlas immer auf dem Tisch, aufgeklappt, als Reisefreund und Mahnmal. Ich schreibe diese Zeilen am 14. Juni 2020. Morgen gehen die Grenzen wieder auf.

2. Bücher ausmisten mit Marie Kondo

Marie Kondo ist eine japanische Aufräum-Expertin und Bestseller-Autorin. Obwohl ich über ihre asiatische, therapeutische Methode eher lächle und mich lustig mache, so finde ich ihre Herangehensweise dennoch faszinierend. Ich verwandelte mich in die zierliche junge Japanerin und befolgte amüsiert ihre Ideen. Meine vielen Bücher mussten dringend aussortiert werden. Dieses langgehegte Projekt war genau richtig. Sie empfiehlt alle zu räumenden Gegenstände oder Kleider auf einen Haufen zu legen. Mit diesem Akt soll einem bewusst werden, welchen Schatz oder auch Überfluss man angesammelt hat.

Ich bin kein Messie, aber ich habe viele Bücher. In meinem Fall musste ich alle Bücher aus dem ganzen Haus inklusive Koch-, Bastel-, Reisebücher und alle Romane, Krimis, Lebensberater und Kinderbücher zusammentragen. So holte ich erst Gartentische und Bretter auf Böcken ins Wohnzimmer und dann entleerte ich die Gestelle. Die Bücher stapelten sich hoch und breit. Staub, Notizzettel und eingeschobene Fotos fielen heraus. Vertrocknete Spinnen, Mücken und Wespen lagen hinter den Regalen. Hat man diese mühsame, aber herrliche Arbeit einmal begonnen, gibt es kein Halten mehr. Ich zählte die Bücher, wusch ihre Einbände, staubsaugte die Oberkanten und ordnete sie vorerst nach Kategorien. Lustvoll blätterte ich in jedem einzelnen der 900 Bücher. Ein wundervolles Coronaprojekt. Es machte mir Spass, jedes Werk noch einmal in der Hand zu halten. (auch eine Empfehlung von Marie Kondo). „Warum habe ich dieses Buch?“ „Ist es mir wichtig?“ Es gab Bücher, die bereits zerfleddert, fettfleckig und voller Eselsohren waren, leider eine meiner Unarten. Diese Lieblingsbücher stellte ich zurück ins blank polierte Gestell. Auch dafür hatte ich Zeit. Es gäbe auch einen spannenden Blogbeitrag. „Unterwegs mit meinen Herzensbücher“.

Geerbte Bücher durften bleiben, Romane, die mich an spezielle Momente erinnerten, Klassiker und praktische Bücher fanden alphabetisch geordnet, einen neuen Platz. Etliche Bücher, die ich weitergeben wollte, packte ich in Säcke und weitere legte ich auf meinem Nachttisch. Sie wollen endlich gelesen werden. Vielleicht auch nochmals? Während zwei Wochen glich das Wohnzimmer eines chaotisch geführten Bücher-Antiquariats bis das letzte Exemplar seinen neuen Platz fand.

3. Mein rotes Tagebuch

Das rote Tagebuch mit aufgeprägtem Känguru lachte mich bereits in Australien, vor Corona an. Ich wollte vermehrt wieder von Hand schreiben. Meine ehemals ansehnliche Handschrift war über die Jahre zu einer „Klauen-Schmiererei“ verkommen. Jetzt freute ich mit auf diese seidenweichen Seiten, die meine Hand wie auf dem glattem Eis darüber gleiten liessen.

Wo liegen meine Werte und meine Stärken? In den ersten Tagen verbrachte ich viel Zeit mit diesen Fragen rund um mein Wohlergehen. Nun schrieb ich täglich in meiner allerschönsten Handschrift in dieses Buch. Über hundert Seiten hinweg führten mein Buch und ich ein inniges Gespräch. Nie ging ich schlafen, bevor die zwei Pflicht-Seiten nicht gefüllt waren. Routine war wichtig. Die veränderten Gefühle wollte ich festhalten. Was tut mir gut, war nicht nur für mich eine wichtige Frage in diesen Wochen.

Ich merkte schnell, dass Tages-Nachrichten in kleinen Häppchen mir durchaus Vertrauen gaben und empfand Demut und Dankbarkeit für meine privilegierten Lebensumstände. Meinem Garten ging es gut. Die viele Aufmerksamkeit und das prachtvolle Frühlingswetter dankte er mit Blütenpracht und üppiger Erdbeerernte.

Das alles hielt ich fest.

4. Miranda – Eine Fortsetzungsgeschichte für meine Enkel

Miranda rettet sich mit einem Sprung ins Meer

An manchen Tagen war die Welt pastellig gefärbt und an anderen blies der Sturmwind alles durcheinander. Und dann begann mein aufregendstes Abenteuer.

Die Zeit sinnvoll nutzen und anderen eine Freude machen. Das war meine Motivation, als ich zu Beginn der Corona Zeit die Geschichte rund um Miranda’s Verschwinden schrieb, malte und auf Band (Sprachmodus) sprach. Es entstand ein Manuskript, ein Hörbuch in fünfzehn Folgen mit zwanzig Bildern, die ich dafür gemalt und gesprochen hatte. Alle paar Tage hatte ich die ca. 15 -minütigen Folgen über Whatsapp verschickt. Erst waren es meine Enkel, die zuhörten. Später waren es jedoch auch Erwachsene, die beim Spörtlen, Putzen oder Kochen genauso gerne in die Welt der Miranda eintauchten und beim Finden der jungen Giraffe mitfieberten.

Miranda, das Giraffenmädchen ist auf dem Weg aus Afrika in den Zoo, spurlos verschwunden. Im Mittelpunkt stehen Fynn und seine Geschwister Tom, Lars und Samira. Sie wohnen mit ihren Eltern, Tierpfleger Benno und Theres Teiler neben dem Zoo. Auf einer abenteuerlichen Suche nach Miranda sind Wunder noch möglich. Verbundenheit, Vertrauen und Fantasie führen zur Enträtselung.

Mit dem Schulbeginn verschickte ich die letzte Folge.

5. Jede Woche Corona-Nachbarschafts-Apero

Wir sind drei Familien, leben als Nachbarn harmonisch nebeneinander und hielten uns an die Empfehlungen. Mein Projekt-li war ganz simpel. „Wir treffen uns wöchentlich zum Apero. Jeder nimmt sein eigenes Tischli, seine Stühle, Gläser und Weinflasche mit und wir wechseln uns in unseren Gärten ab mit zwei Meter Abstand.“

Wir teilten viele Interessen, hatten ähnliche Gedanken und Sorgen rund um die Isolation. Diese Treffen bedeuteten ein beständiger Fixpunkt durch die Wochen. Erst besichtigten wir die Fortschritte in unseren Gärten. Während der eine romantisch im Wald verborgen liegt, ranken im andern die Rosen prächtig in allen Farben und meiner liegt voller Stauden, Blüten und Büsche in der Sonne.

Ich liebe es, Zeit mit meinen Nachbarn zu verbringen. Für mich ist es bereichernd, lehrreich und wohltuend. Es sind die wertvollen Gespräche, der Austausch, die Befindlichkeiten, aber auch die kontrovers diskutierten Ansichten, die diese Jour fix Verbundenheit und Tiefe geben. In der Normalität würde eine solche Kontinuität nicht möglich sein. Zuviele Termine, eben.

Und dennoch bleiben wir dran und treffen uns lose weiterhin.

2 Gedanken zu “Unterwegs in Corona – Teil 2

  1. Herzlichen Dank, liebe Verena,
    Es ist sehr genussvoll Deine Beiträge zu lesen: die Sprache ist sehr ansprechend, gibt Anstoss, die Corona Zeit, was war nochmals im Rückspiegel anzuschauen. Ich wünschte für unsere Gesellschaft, sie hätte sich auch an solch tollen, ihr völlig eigenen Projekten und Ideen stemmen können.

  2. Liebe Verena
    Spannend hier aus der Ferne alle Deine Projekte mitzuverfolgen. Wir freuen uns schon bei einer der nächsten Nachbarschaftsrunden wieder mit dabei sein zu können.
    Bis dann, herzlich
    Brita und Mikael

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