Unterwegs in Corona – Teil 1

Ich stieg auf den höchsten Berg, fiel in tiefe Schluchten, verirrte mich in dunklen Wäldern, roch an süssen Blüten, hörte den Wind rauschen, spürte das Prickelnd des Regens auf meiner Haut, suchte Schutz vor Kälte und Hitze, duckte mich im Finstern, erhob mich in leichten Gewändern und beging neue Wege. Jetzt bin ich wieder „angekommen“. In einer neuen Normalität. (Schaffhausen gehört zu den glücklichen Orten mit sehr wenigen Ansteckungen und Toten.)

Routine, Vertrauen und Dankbarkeit

„Corona“ und „Unterwegs sein“, passten nicht so recht zueinander. Dennoch betrachtete ich den Weg durch die Zeit der Isolation als grosses Abenteuer. Anfangs beschäftigten mich Fragen: Wie gehe ich mit meiner Angst um, der Bedrohung meines Lebens, wie die Tage der Isolation überstehen, was brauche ich an Kommunikation. Wir alle wussten doch so wenig, weder wo der Weg hinging, wie lange es dauern würde, noch wie gefährlich die Krankheit sein würde. Es war mir einzig klar, dass ich diese Krankheit nicht wollte und niemanden durch mein Verhalten gefährden wollte. Vertrauen und Zuversicht fand ich in den Ansagen von Alain Berset und Daniel Koch. Simonetta Samaruga und der Bundesrat erfüllten das Leadership, das ich mir für unser Land wünschte. Es war mir bewusst, dass man später einmal vieles besser wissen würde, aber in diesen ersten Wochen fühlte ich mich beschützt und aufgehoben in diesem Land. Alles war existentiell. Es ging um Sicherheit, Organisation der Nahrungsbeschaffung und um die Gesundheit. Wir befassten uns mit der untersten Stufe der Maslow Pyramide. Zum Glück hatte ich gelernt, dass es dem psychischen Wohlbefinden hilft, mit Routine den Tag zu strukturieren. So begann ich den Morgen mit meditieren. Die Meditation lehrt einem, achtsam mit seinem Inneren umzugehen. Auf langen Spaziergängen tankte ich Sauerstoff, trainierte Muskeln und genoss das schöne Wetter mit meinem Hund. Zudem kochte ich mit grosser Freude.

Das Bedürfnis nach Austausch war anfangs gross. Intensive Gespräche mit Familie und Freunden liessen keine Oberflächlichkeiten zu. Wir liessen Gedanken fliessen, fragten nach Befindlichkeiten und nahmen uns Zeit zum Zuhören. Es tat mir gut in dieser entschleunigten Welt unterwegs zu sein. Eine authentische Zeit. Freunde und Familie sorgten sich um mich. Dafür bin ich sehr dankbar. Dennoch war ich allein unterwegs auf dieser Reise.

Alt oder Risikogruppe

In die Schublade „Alt oder Risikogruppe“ befördert zu werden, denn in diese gehörte ich ab sofort, war hart. Da sass ich nun, isoliert und war alt. Ein Schock. Ungebraucht und stimmlos. Weder war meine Hilfe gefragt und schon gar nicht meine Erfahrung im Leben. Ich war Unternehmerin davor, liebte die Krise, denn da blühte ich auf. Probleme erkennen, Lösungsansätze suchen, recherchieren und zur Lösung beitragen. Dazu würde man mich jetzt nicht mehr brauchen. Während die Jungen ihre neue Realität mit Beruf, Homeoffice und Homeschooling bewältigen mussten, sass ich tatenlos in meinem privilegieren Leben. Diese „Alte“ musste ich erst noch kennenlernen. Ich fühlte mich erst einmal diskriminiert.

Die neue Freiheit

Und dann begann ich diese neue Zeit unendlich zu lieben. So etwas hatte ich mir mein ganzes Leben hindurch gewünscht. Frei sein wie in der Kindheit, keine Termine, keine Verpflichtungen. Ich liess mich treiben, träumte, tauchte ein, horchte und roch. Die Stille hören. Die Welt war so, wie ich sie als Kind erlebt hatte. Natur, Wind, Ruhe und viel Zeit. Erst jetzt konnte ich mich fallen lassen in die Frau, die ich bin. Heute bin ich sogar dankbar dafür, denn diese Schubladisierung meinen Genuss für die Leere und Stille legitimierte. Ich musste, ja sogar durfte nichts mehr. Es war wie in Kindertagen. Ohne Zeit und Verpflichtungen frei sein. Das machte mich glücklich.

Da war ich zwei und frei

Ein unvergessliches Erlebnis

Karfreitag Morgen. Ich stehe am Rand eines offenen Feldes. Lilly, mein Hund, springt einen Feldweg entlang. Es ist still. Am hellblauen Himmel steht kein Wölkchen. Ich horche. Nichts. Stille. 

Ich schüttle meine Ohren kräftig hin und her. Lausche erneut. Stille, kein Auto, kein Mensch, keinen Streifen am Himmel. Stille. Nichts. Weder singt ein Vogel, noch rauscht das frische Grün im nahen Wald. Ungläubig frage ich mich. Taub? Plötzlich gehörlos? Warum zwitschern die Vögel nicht? Es ist unheimlich. Hat die Stille sie erschreckt?

Irgendwann setzte ich den ersten Schritt auf den Naturweg und höre das Knirschen des Sandes unter meinen Schuhen. Endlich höre ich Vogelgezwitscher und meinen Atem. Ich bin nicht gehörlos. Es sind einfach die ersten Wochen der Isolation.

„Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt“ sagt Laotse.

12 Gedanken zu “Unterwegs in Corona – Teil 1

  1. Liebi Verena! So schön hast Du geschrieben und mir aus dem Herzen gesprochen. Mir ging es genau so, die ganze Angst und alles Drumherum hat mich sehr verunsichert. Aber wir haben es geschafft und im Rückblick war die Zeit gar nicht so schlimm. Und jetzt schauen wir vorwärts und machen das Beste daraus und freuen uns dass wir leben dürfen!
    Herzlichi Grüess!
    Yvonne

  2. Schön beschrieben – auf diesem Weg und diesen Gedanken kommen wir, wenn bewusstsein da ist – alle jenseits der 60?!!
    Aber es hat soviel Potential!!

  3. Liebe Frau Verena Prager,
    es ist schön wieder einmal von Ihnen zu hören. Heißt es doch auch, das es Ihnen gut geht. Was ja in diesen Zeiten durchaus nicht selbstverständlich ist.
    Ja, es stimmt, man fühlt sich eine sehr lange Zeit zurückversetzt. Geht man dann hinaus in die Natur, spürt man förmlich, wie sie sich erholt. Es sind weniger Menschen unterwegs, es fahren weniger Autos, und es fliegen weniger Flieger.
    Nur befürchte ich, das der Mensch nicht daraus lernt. Er wird nach diesem Einschnitt mindestens genauso weiter machen.
    Aber da ich auch zu der Risikogruppe gehöre, jenseits der 60, werde ich das alles nicht mehr so lange miterleben.
    Bleiben Sie also gesund, auf das wir noch einige Ihrer Reisen miterleben können.
    Liebe Grüße aus Blaubeuren(D)
    achim lehmann

    • Guten Tag Achim Lehmann
      Es ist immer schön von Ihnen zu hören und dass es Ihnen gut geht. Auch in Blaubeuren konnten Sie hoffentlich in die frische Natur gehen, so wie hier in Schaffhausen.
      Meine Reisen sind zur Zeit wohl eher etwas eingegrenzt, aber ehrlich gesagt ist es rund um uns herum auch wunderschön.
      Herzliche Grüsse Verena

  4. Hab vielen Dank, liebe Verena! Deine Geschichten sind einfach wunderbar.

    Mir ging es übrigens ähnlich – ich hatte seit Jahrzehnten erstmals wieder wirklich Zeit im Überfluss, ganz ohne to do-Listen, verplante Abende und überfüllte Weekends. Da habe ich unter anderem das Stricken neu entdeckt. Voll der Luxus!

    Heb‘s guet! Liebe Grüsse Ursula Erb

    >

    • Liebe Ursula
      Das Stricken habe ich auch wiederentdeckt, als meine ersten Enkel sich auf den Weg gemacht hatten. Irgendwie ist es ja auch diese Langsamkeit des Vorwärtskommens, die einem gut tut.
      Hoffentlich auf bald einmal. Liebe Grüsse Verena

  5. Liebe Verena
    Soeben Deine Zeilen gelesen und nun den Blick in die Weiten des wunderbaren „Chläggi“ gerichtet…und ebenfalls über die vergangenen Wochen sinniert. Wunderbare (auch ich/wir durften gesund bleiben) ruhige Tage liegen hinter uns und hoffentlich noch viele vor uns. Zurück in die sogenannte Normalität sollte von allen gut überdacht werden. Jetzt scheint mir der Zeitpunkt gekommen, um über viele Dinge nachzudenken und vermeintliche Träume wahr werden zu lassen. Ich freue mich auf Teil 2 Deiner Gedanken und wünsche Dir und der ganzen Familie eine starke Zeit. Heb Dir weiter Sorg und liebe Grüsse auch von Silvia

    Urs

    • Lieber Urs
      Corona im Minihaus mit grossem Hund ist ja auch eine Herausforderung. Zum Glück liegt das Chläggi vor Euch ausgebreitet für sehr viel „outdoor“ life. Ich bin froh, dass es Euch gut geht und bin gespannt auf deine „vermeintlichen“ Träume, die wahr gemacht werden. Ich freue mich auf Euch. Bald einmal? Liebe Grüsse Verena

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