Australien brennt

Ich wusste, dass es dieses Jahr anders sein würde, Wochen bevor ich abgereist war. Feuer wüten. Städte, umliegende Wälder und bewohnte Regionen stehen in Flammen. Verhüllte Menschen meiden das Draussen, Tiere verenden, Bewohner werden evakuiert. Drama.

In den letzten Flugstunden von Singapore nach Melbourne blicke ich voller Vorfreude ins grelle Licht des australischen Kontinentes. Obwohl ich über fünfunddreissig Jahre mehrmals diesen Flug erlebt habe, bestaune ich immer wieder die Ausdehnung der roten Erde, die Salzseen und die absolute Leere. Dann freue ich mich auf die saftigen Felder und Weiden gegen den Süden hin. Aber dieses Jahr scheint alles gelb, braun und frühzeitig dürr. Ich bin aufgewühlt und besorgt. Es ist anfangs Dezember und bereits hoffnungslos ausgetrocknet.

Die Freude ist gross, dass ich hier in Gisborne auf „Bundaleer“, der Farm meiner Schwester sein darf. Fernab von Kälte und dunkler Tage. Sie haben mir zugesetzt. Ist es das Alter oder freue ich mich einfach auf unaufgeregte Festtage im idyllischen, ländlichen Umfeld? Beides gleichermassen, komme ich zum Schluss.

Schon frühmorgens höre ich das Klingeln der Magpies (australische Elstern). Daphne, die forsche Dame im grauschwarzen Kleid, klopft fordernd an die Tür. Meine Schwester füttert ihre eigene und adoptierte Menagerie mit allerlei Flocken, Heu und Hühnerfutter. So entsteht ein Garten voller frecher, gieriger Tiere. Kakadus, Hühner, Pferde, und auch Rosellas, kleine bunte, rotgefiederte Papageien, die schmatzend in den Himbeeren hocken. Sie teilen sich die Beeren mit den Staren, in die uns kaum genug zum Frühstück übriglassen.

Die eine Seite meines Herzens jubelt. Der anderen entgeht jedoch nicht, dass die Weiden kurz und vertrocknet sind. Ebenfalls zeigen die Wasserlöcher, Tränke für Tier und zur Bewässerung des Gartens, Tiefstände auf. Vielerorts donnern verdorrte Äste runter. Vor kurzem auf ein Taxi. Eine junge Frau starb dabei. Das Wetter ist eigenartig, die Stimmung im Land angespannt. Es brennt an allen Ecken und Enden. Noch nicht hier in Melbourne, aber in vielen Teilen des Landes, die ich so über viele Jahre hinweg intensiv und voller Begeisterung bereist habe. 

Eine Woche ist vergangen, wir haben Weihnachten gefeiert und genossen. Melbourne, im Staat Victoria gehört in die kühle Klimazone nahe dem Südpol. Üblicherweise hat es grüne Weiden, Wälder und die Feuergefahren sind mässig. Ausser im hochsommerlichen Januar und Februar. «Es gab schon immer Klimaextreme», möchte man sich trösten. Nur dieses Mal spüre ich diese andere Haltung, gestärkt von den kämpferischen Diskussionen in Europa. Man ist wachsamer, sensibilsierter geworden. Wir sind nicht besser als die andern, sondern vielleicht bewusster für die eigenen Untaten. Medien und Gespräche sind voll Schlagwörter, wie ökologischer Fussabdruck, Entsorgung und Diversität. Auch hier spüre ich diese Wut und das Unverständnis für eine Regierung mit deren Ministerpräsidenten, Scott Morrison, die den Zusammenhang von Feuer und Klimawandel negiert. Ich bleibe dran und will mehr wissen, denn es rüttelt tief.

3 Gedanken zu “Australien brennt

  1. Monika Eggenberger

    Danke für den interessanten Augenzeugenbericht, der mir sehr zu denken gibt. Ich wünsche Ihnen eine interessante Zeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

  2. Ja, auch von mir vielen Dank für diese Augenzeugenberichte. Mögen diejenigen, die gerne die Verantwortung haben, nicht mehr zu lange warten mit Gegenmaßnahmen zum Weltklima.
    Kommen Sie gut in das Neue Jahr. Und bleiben Sie gesund.

  3. Liebe Verena and Family in Melbourne – danke für deinen eindrücklichen und ergreifenden Bericht über die Feuerbrunst im Osten Australiens, welche viel Leid über die Menschen, die Tiere und Natur gebracht hat und noch immer bringt. Und doch bringst du es fertig, deinen vielfältigen tierischen Mitbewohnern auf der Farm deine Aufmerksamkeit zu schenken und diese zu beschreiben und zu bewundern. Die Weihnachtstage habt ihr genossen, wie du schreibst, und mit grossem Dank, kann ich dir erwidern, wir auch. Im Wissen, dass es vielen Menschen auf dieser Welt nicht vergönnt war durch schicksalshafte Begebenheiten, breitet sich bei mir/uns Demut aus, dass wir es konnten. Mein Weihnachtsbrief vom 16.12. hat dich dann nicht mehr zuhause erreicht. Aber E-mail folgt dir überall hin. Ich wünsche dir und deinen Lieben von ganzem Herzen weiterhin einen wohltuenden schöpferischen Aufenthalt bei deiner Schwester und trotz allem leichte beschwingte erste Schritte ins 2020. Zwischen den Jahren grüsst dich zuversichtlich Brigitte

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