Louise ist krank

Schlaff hockt sie unter einem Busch, rauchig hört sich ihr Atem an während sie nach Luft schnappt. Der Kamm, einst feuerrot und fest, bammelt dunkel violett herum, ein echtes Alarmzeichen für den Hühnerkenner. Louise ist krank. Sie ist eine hübsche Legehenne, weiss gefiedert mit grau melierten Schmuckfedern rund um die Halskrause und hüpfende, perlenfarbene Schwanzfedern. Louise ist bekannt. Sie hat Charakter und trägt ein paar Erfahrungsjährchen in den Federn. Wie viele Eier sie wohl schon gelegt hat?

Meine Schwester und ich fahren mit der kranken Louise zum Tierarzt. Ja, sie ist zwar nur ein Huhn unter siebzehn andern, aber eben ein Herzenshuhn. Ehrlich gesagt sind alle Tiere Herzenstiere hier auf Bundaleer. Die Hühner und alle ihre wilden Verwandten, die täglich mitgefüttert werden. Nicht nur die Kakadus mit ihrem hack-und beissbereiten Schnabel Werkzeug, fordern das Futter lautstark ein. Aber auch das gierige Elsternpaar klopft morgens vehement an die Eingangstür und bettelt unerbittlich.

Wir betreten mit unserem grossen Transport-Karton die Landpraxis im Dorf. Gerade stehen weder Pferde noch Kühe vor der Grosstierpraxis, aber ein annähernd so kunterbuntes Volk belegt die Wartebank. Beim Eintreten begegnet uns erst ein ausgewachsener, flauschiger Schäferhund. Den Pfoten nach zu urteilen, gehört das ungestüme Tier dem stolzen Jungen, der ihn zu bändigen versucht. Beäugt und begrüsst werden wir jedoch von zwei Praxiskatzen. Die Weisse sitzt keck auf der Besucherbank. Die Graue hingegen lauert misstrauisch derweil auf dem Eingangsgestell und wacht über Neuankömmlinge. Kommt die Hundeschnauze doch etwas nahe, so teilt die Bankkatze einen Warnschlag aus. Dann ist wieder Ordnung. Für unser Huhn jedoch interessiert sich niemand.

Wieder öffnet sich die Tür. Ein grosser, stark tätowierter Kerl im ärmellosen Muskeltop und weniger muskulösem Bierbauch, tritt freudig und mit beinahe kindlichem Blick herein. Unter dem Arm einer Handtasche gleich, guckt ein kleines zartes Rehpincherchen hervor. Dünne Beinchen, Kulleraugen und wippende Ohren schmiegen sich über Bauch und Brust des Mannes. Sie ergeben ein wahrlich köstliches Bild, so voller Zuwendung und Hingabe. Weder schreckt sie der Schäferhund noch die Katzen ab. Jetzt sind wir an der Reihe.

Die nächste halbe Stunde widmet sich unsere Tierärztin liebevoll und kompetent um Louise. Es sieht nicht gut aus. Der Kropf, in dem sie ihr Futter aufbewahrt, ist leer, also frisst sie seit einiger Zeit nicht mehr. Sie glüht und kann kaum atmen. Nach sorgfältigem Abtasten der inneren Organe, Fiebermessen und vielen Fragen zum Verhalten des Huhns, allesamt schwierig zu beantworten, evaluiert die Ärztin ausführlich weitere diagnostische Untersuchungen. Gemeinsam einigen sie sich auf Antibiotika, Schonkost und „Bett“ruhe.

Beim Durchqueren des vollen Warteraumes staunen wir, als ein weiterer Patient hereingetragen wird. Ein Kakadu thront auf einer kräftigen Männerhand. Die dunklen Krallen um den dicken Finger des Besitzers gelegt, beäugt der zahme, ausgewachsene Vogel neugierig alle Anwesenden. Das schneeweisse Gefieder wippt auf und ab. Er schüttelt sich, lässt seinen sonnengelben Kopfschmuck Fächer artig auf dem Kopf tanzen und schaut wachsam zu allen Seiten. Mit Louise, einem Kakadu, etlichen Hunde, zwei heimischen Katzen und einer ebenso bunten Schar,Menschen warten wir geduldig auf die Spritzen, die wir Louise selber spritzen sollen. Alle sind vergnügt und unterhalten sich auf alle Seiten. Eine richtige Landpraxis eben.

Wie’s dem Huhn geht? Wir hoffen bald besser. Zur Genesung lebt sie bei uns in der Küche, bekommt Hackfleisch und gekochte Eier. Vorerst noch in der Kiste. Aber wie ich meine Schwester kenne, wird es morgen in der Küche herumgackern dürfen.

 

5 Gedanken zu “Louise ist krank

  1. Barbara Ritzmann-Prager

    Zum in der Küche rumgackern hat wirklich nicht viel gefehlt. Na ja , mal sehen, ob wir die Louise doch wieder herein bringen ‚müssen‘. 😁🐓

  2. Die Erzählung erinnert mich an meinen Güggel und sein Huhn, die einmal bei mir im Garten wohnten. ich hoffe, dass es Louise bald wieder gut geht.

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