Partir c`est un peu mourir

Lily im Herbstkleid

Es ist Sonntagabend vor meiner Abreise nach Australien. Ich entzünde noch einmal den Gartengrill. Meine romantische Playlist schallt Sommerstimmung ins Mühlental runter. Dazu ein Glas Weisswein und melancholische Gedanken zum kleinen Abschied. «Partir c`est toujours un peu mourir.» Erstmals google ich diesen Lebenssatz meiner längst verstorbenen Mutter und entdecke das dazu gehörende Gedicht. Ich belasse es auf Französisch, denn die Übersetzungen sind es nicht wert. In etwa: Jeder Abschied ist ein wenig sterben, aber die Seele bleibt.

Das ist eine Gedichtzeile aus „Rondel à l’adieu“ von Edmond Haraucourt:

Partir, c’est mourir un peu,
C’est mourir à ce qu’on aime :
On laisse un peu de soi-même
En toute heure et dans tout lieu.

C’est toujours le deuil d’un vœu,
Le dernier vers d’un poème :
Partir, c’est mourir un peu !

Et l’on part, et c’est un jeu,
Et jusqu’à l’adieu suprême
C’est son âme que l’on sème,
Que l’on sème à chaque adieu !
Partir, c’est mourir un peu…

Ein letzter wunderbarer Sonntagnachmittag geht zu Ende. Ich habe aufgeräumt, erste Reisesachen bereit gelegt, Dokumente geordnet und noch fällige «To do`s» in mein schwarzes Moleskin Buch eingetragen. Zum Glück werden die Listen kürzer und unwichtiger. Vieles ist erledigt. Es bleibt nur noch das Abschiednehmen.

Über dem Kirchturm auf der Breite malt ein Flugzeug im Anflug diamantene Streifen in den blauen Himmel. Sonnenuntergang. Zum Abschied eines jeden Sommers gehört auch ein gewaltiges Feuer, heiss und flammend im «Feuerring». Mit reichlich Speiseöl beschmiere ich die eiserne Bratfläche, um sie vor Rost zu schützen. Ich hole Wolldecke und Bettflasche und wickle mich ein.

Um Haus, Pflanzen und Hund guten Gewissens in Obhut zu übergeben, habe ich einiges planen müssen. Eigentlich sind diese Abschiede nicht neu für mich. Ich weiss, was wichtig ist und was man auch nachträglich noch regeln kann und doch ist es emotional jedes Mal eine bedeutsame Zeit. Ich frage mich: Was ist wichtig? 

Einige meiner Freunde und Bekannten reisen ebenfalls gerne, allerdings «nur» für kürzere Zeiten. Sie hätten Heimweh und freuten sich wieder auf zuhause, auf das heimische Bett, den gefüllten Kühlschrank und einfach die Routine. Für mich war dies schon immer anders. Am liebsten gehe ich mehrere Monate weg. Ich freue mich auf das langsame Umstellen, den behutsamen Einstieg in die neue Kultur, auf Abenteuer sowie Unerwartetes. Ich liebe es einzutauchen an fremden Orten mit anderen Wertschätzungen und Lebensgeschichten. Immer wieder will ich erproben, welch andere Leben ich auch hätte leben können. Ich muss schauen, wie andere Menschen auch glücklich sind und welche Dinge es sind, die ich wirklich benötige. (Mein Morgen Latte Macchiato steht schon ziemlich oben :).

Ganz ehrlich gesagt, bedeutet Australien für mich ein Stück heimkommen in mein anderes Leben. Ich tauche dort in eine Möglichkeit, die mir auch gefallen hätte. Unbeschwert, unkompliziert, wild und mit der Natur verbunden. Die Nachbarschaft ist noch so wie es einst bei uns war. Man schwatzt, grüsst, lacht und tratscht und fühlt sich willkommen und angekommen. Und doch werde ich wieder gerne zurückkehren und hier etwas von diesem Anderen mitbringen.

Ich füge diesen grandiosen Link von Sacha Batthyany ein, der einen Wert vermittelt, welcher bei uns immer wieder mal verloren geht. https://nzzas.nzz.ch/hintergrund/von-usa-in-schweiz-zurueck-bei-menschenfeinden-ld.1405443 «Von den USA in die Schweiz – zurück bei den Menschenfeinden (NZZ am Sonntag)

Mittlerweilen sind die Flammen hoch, Funken sprühen in den dunkelblauen, wolkenlosen Himmel, die Feuerschale glüht und wärmt meine Füsse. Der Weisswein ist getrunken und die Sonne untergegangen. Es ist Nacht. Eine helle Sichel verkündigt den zunehmenden Mond. «Halleluah» tönt es in die Dunkelheit von meiner Playlist. Schon dieser Stimmung wegen, werde ich wiederkommen, denn es ist noch lange nicht mein letztes «Adieu».

11 Gedanken zu “Partir c`est un peu mourir

  1. Wünsche dir von Herzen eine wunderschöne Zeit, gutes Ankommen, buntes und gesegnetes Sein . Und wenn die Zeit reif ist: ein bereichertes Abschiednehmen!
    Herzliche Grüsse vom Rheinufer, Anne

  2. charlotte Gonzenbach

    Es ist immer eine Freude, Deine schönen Berichte zu lesen. Danke, dass Du sie mit uns teilst! Grüsse Barbara von mir und geniesse Deine Reise. Ich freue mich schon auf den nächsten Bericht.

  3. Starke Zeilen….ich wünsche Dir eine eindrückliche Zeit und mir, dass Du uns noch viele Eindrücke übermitteln wirst.

    *Glück ist, wenn man ein Haus und einen Garten hat*

    In diesem Sinne bis bald und liebe Grüsse

    Urs und auch Silvia

  4. Yvonne Vogelsanger

    Immer sehr spannend ihre Zeilen zu lesen, die so toll geschrieben sind. Gute Reise wünsche ich ⭐ liebe Grüsse Yvonne

  5. Wunderbar, liebe Verena, I love your travelling! Ich hab den Mut noch nicht – müsste schon eine Andockstelle haben, um so weit weg zu reisen…. Hast Du jemanden oder checkst Du einfach mal in ein Hotel ein? Ich glaub, ich könnte von Dir lernen…. Viel tolle Erlebnisse wünsche ich Dir – . Ich möchte auch am liebsten weg – . Weg von Schaffhausen. Weg von ….? ! Einfach weg – und darin steckt ja das Wort «Weg» . Also, wann ich diesen Weg beschreiten wage, weiss ich noch nicht. Vielleicht machst mit mir mal einen ersten Schritt mit einer Frühlingswanderung in der CH? Herzlich grüsst Dich Iris >

    • Jetzt ist mir meine erste Antwort entwischt. Also try nr 2.
      Deine sehr persönlichen Gedanken haben mich sehr inspiriert, einen Beitrag zu verfassen, wie sich mein Reisen verändert hat seit ich die 6.er Schnapszahl überschritten habe. Das Wörtli „weg“ ist ja auch in „unter-weg-s“ enthalten. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Der Weg und weg gehen. Spannend.
      Mein Reisen ist mittlerweile eine Mischung aus planen und mich treiben lassen.
      Den Frühlingsspaziergang machen wir dann. Ab März bin ich zurück.

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