AMRUM – Mein letzter Tag

IMG_4696.jpgDer Wind hat nachgelassen, alles ist ruhig, aber kühl am heutigen letzten Morgen auf Amrum. Wo ist der angesagte Regen, über den seit Tagen alle reden? Ich höre kein Rauschen und Plätschern. Die Insulaner und Hartgesottenen freuen sich mit der Natur auf das langersehnte Nass. Einige Camper hingegen schwanken, ob sie frühzeitig abreisen sollten oder doch ausharren in ihren Zelten. Für mich ist klar. Ich bleibe in meinem kuscheligen, trockenen „Daheim“. Luken dicht, Standheizung an und endlich all das tun, was ich bis anhin verschoben hatte. Viel lesen, viel schreiben, malen und ausgiebig Friesentee trinken. Und dabei dem Tribbeln, Tröpfeln oder Chräbbele auf dem Dach des Busses lauschen.

Dass die Friesen die grössten Teetrinker der Welt! sind (300 Liter/Jahr), erklärt, weshalb jedes Dorf die auserlesensten, wohlriechendsten und fantasievollsten Tee-Kontoren hat. Wahre Schatzkisten an offenen Teemischungen in grossen Gläsern oder wundersamen Büchsen mit dem passenden Geschirr. Exotische Aromen umnebeln einem beim Betreten des Ladens. Ich lasse mich in das besondere Teezeremoniell einweisen,  das viele Schritte umfasst. Erst wird die Kanne heiss ausgespült, dann die Teeblätter zur Hälfte mit siedendem Wasser übergossen. Nach ein paar Minuten wird das restliche heisse Wasser nachgegossen. Ist der perfekte Ziehmoment erreicht, wird der Tee in einen anderen Krug gesiebt und auf ein «Stövchen» mit Teelicht gestellt. In die feine, bauchige Porzellan Tasse gehört erst ein Stückchen Kandiszucker, dann der Tee und zuletzt einen Hauch Rahm, den man am Rand runterlässt, damit eine «Wolke» entsteht. Nicht umrühren, damit er nicht zu süss wird. Als Gast sollte man mindestens drei Tassen trinken, damit man nicht unhöflich erscheint. Wer hätte gedacht, dass die Friesen lieber Tee als Bier mögen. Oft sind es diese kleine Aha-Erlebnisse, die das Reisen immer wieder zum Erlebnis machen. https://de.wikipedia.org/wiki/Ostfriesische_Teekultur

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Nach diesem Abstecher in die friesische Teekultur, widme ich mich nun mit meinem Regentag. Google berät mich. «Amrum bei Regen». Es sind nicht etwa die Teehäuser, Museen oder Hallenbäder, die als erstes erwähnt werden, sondern ich werde in die richtige Einstellung zum Wetter eingeführt. Im Artikel, den ich mit wachsender Vorfreude lese, werde ich darin bestärkt, das Wetter voll auszukosten. Mit der richtigen Kleidung wie Stiefel, Regenhose, Handschuhe und warme Jacke soll man sich durchpusten lassen und das Wetter einfach aufsaugen. Spüren wie die Lungen sich füllen und die Gedanken wirbeln. Mit jeder Zeile verfliegen meine Bedenken und ich lechze förmlich nach Regen und Wind. Ich will fliegen wie ein Drachen und zuschauen, wie der Wind und die Wellen an der Landschaft wirken.

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Mein Regenmantra bringt mich auf die Aussichtsdüne und dann hinunter zum Kniepsand. Bevor ich loslaufe, sticht die Sonne noch ein letztes Mal kräftig heraus und verschiesst ihr gleissendes Licht über den weissen Sand und die Dünen. Erst das schwarze Wolkenband mahnt mich zur Eile. Meine Lungen sind voll salziger Luft. Regen wo bist du? Erst dann, als ich auf dem Sand stehe, bricht die Wolke auseinander. Herrlich nass, lebendig und ersehnt.

Ich liebe Wetter, auch Sturm und Regen. (Einfach nicht tagelang). Sonst wäre ich nicht hier an diesem rauen Ort. Übrigens trank ich keinen Friesentee zum Aufwärmen, sondern eine „Tote Tante“. Heisse Schokolade mit Schlagrahm und Rum!

 

3 Gedanken zu “AMRUM – Mein letzter Tag

  1. Brigitte Straub

    Liebe Verena, Amrum wie es leibt und lebt…..und wir lieben diese Insel in und bei jedem Wetter….herrlich frisch kehrt man/frau dann wieder zurück in den Alltag…alles Liebe und Gute für deine Weiterreise und Tschüss AMRUM bzw. AUF WIEDERSEHEN…herzliche Grüsse – Brigitte

  2. Hallo Verena

    Wie immer sind deine Beiträge informativ, spannend und voller Leidenschaft.

    Geniesse die schöne Zeit – viel Freizeit – die du lange nicht zur Verfügung hattest.

    Alles Gute auf der Weiterreise.

    Claudio Poles

  3. Barbara Ritzmann-Prager

    Vielleicht bist Du nun schon wieder daheim, oder nimmst Dir Zeit für die Rückreise ? Auf jeden Fall hat es wieder einmal Spass gemacht, ein wenig und aus der Ferne mit Dir zu reisen und neue Sachen zu entdecken ! Es gibt dann sicher bald mal ein Tel. ! 💜😙

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