Wo ich bin, da will ich sein (Corsson) Australien

Die Autoreise von Adelaide über Melbourne (Berichte folgen) nach Gisborne, brachte mich kurz vor Weihnachten zu meiner Schwester, die in die Hügel ausserhalb von Melbourne, Victoria, lebt.

Foto 1-2

Bundaleer vom Pond aus gesehen

Die Farm meiner Schwester ist eine wilde, dreissig-jährige, leidenschaftliche Geschichte. Hier auf dem weiten Land hat sie ihre Familie grossgezogen. Das massive Bluestone (Basalt) Haus beherbergt heute ein kleines Café, ein Therapiezentrum für Yoga und Massagen und ein Schönheitssalon, den ihre Schwiegertochter betreibt. Verstreut im Park sind noch kleine Cottages, die zum Teil vermietet sind und in einem davon wohnen wir.

Erzählen will ich die Geschichte über meine Zeit hier in Gisborne und vor allem über „mein Australien“. Ich bin so gerne hier, fühle mich so extrem wohl und angekommen. Alles andere scheint weit weg, obwohl ich es nicht missen möchte. Hier ist ein anderes Leben, in dem ich auch zuhause bin. Ist es vielleicht doch so, dass man verschiedene Leben leben könnte? Oft frage ich mich, was aus den anderen Leben geworden ist, für die ich mich nicht entschieden habe? „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier, inspirierte mich vor Jahren zu diesen Gedanken. Er schreibt: „Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?“ Man trifft immer wieder einschneidende Entscheidungen, die nur den einen Weg zulassen. Ist der Weg vorbestimmt, welche Entscheidungen man auch immer trifft? Und als Konsequenz stellt sich die Frage: ist das überhaupt wichtig, wo der Weg bestimmt wird? Australien ist eines der restlichen Leben, das in mir ist.

Foto-11

Am Dam auf der Farm

Meine erste Reise mit meinen Töchtern war 1984 und wir blieben sechs Monate. Während Anna ihr Pfüsi, ein kleines weisses Kätzchen liebte, sass Linda meist mit den Farmern auf den Traktoren. Sie half beim Zusammentreiben der kleinen Schafherde, ging mit ihrem Cousin baden und zum Yabby fischen (kleine Süsswasser-Krebse) in den dams. Bundaleer ist mehr eine Hobbyfarm mit Pferden, Rindern, Hühnern und Enten, Katzen und Hunden und soviel wilde Landschaft mit Hunderten von Kängurus, kreischenden Kakadus, Kookaburra (lachender Hans) und bimmelnden magpies (Elstern). Wer Australien liebt, kennt dieses sanfte Klingeln am Morgen. Die Natur ist satt, extrem, aufregend, gefährlich und immer voller Überraschungen.

IMG_4573

Twelve Apostels on Great Ocean Road

Deshalb reise ich immer wieder nach Australien. In den letzten 30 Jahren war ich fast in jedem Winkel des Kontinents unterwegs und habe die grossen Veränderungen miterlebt. Heute heissen die  Aborigines, indigineous people, Naturschutz ist zum Thema avanciert, Immigranten Fragen erhitzen die Gemüter und in der australischen Gastronomie hat sich viel Eigenständigkeit und Kreativität entwickelt. Ich war in Alice Springs im Roten Zentrum, wanderte um den Uluru (Ayers Rock), der heute wieder den Ureinwohnern gehört. Wir haben in einer kleinen Gruppe per Jeep die Wüste zu den schwer zugänglichen Kimberleys im Nordwesten und zu den Bungle Bungles durchquert. Vor dreissig Jahren waren wir mitunter die ersten Touristen in diesen einmaligen Gesteinsmassen. Ich habe viele Male unter bespiellos funkelnden Sternen, Planeten und Galaxien geschlafen. Ich schnorchelte im Barrier Reef, verzweifelte in der beklemmenden Feuchtigkeit des Regenwaldes im Daintree Nationalpark, reiste drei Tage und Nächte im Zug von Perth nach Adelaide, habe Tasmanien im Süden gesehen und nachts eierlegende Schildkröten auf Heron Island beobachtet. Auf dieser Reise habe ich ein Auto gemietet und bin von Adelaide nach Melbourne auf der great ocean road unterwegs gewesen.

Foto-9

Die treuen Farmarbeiter Les and John

Das Leben auf der Farm hat sich wenig verändert, die Bäume sind gewachsen, der Park rund ums Haus ist noch gepflegter, voller Blüten, duftender Sträucher und einheimischer Pflanzen. Es grasen weniger Tiere auf den Weiden, meine Schwester hat das Reiten aufgegeben, geblieben sind die wechselnden Hunde und die Sorgen ums Wetter.

Absolute Dürre mit Bedrohungen von Bushfeuern, wechseln sich mit regenreichen Jahren ab. Noch immer beobachte ich die vorbei hüpfenden Kängurus auf den zur Farm gehörenden, paddocks (Weiden für Tiere) und die scheuen Kaninchen, die den saftigen Gemüsegarten bevölkern. Zur Zeit sind die dams (Wasserlöcher) voll. Sie dienen den Tieren und dem Wässern des Gartens. Das unberechenbare Wetter ist eine tägliche Herausforderung hier in Victoria. Die Kälte vom Süden mit arktisch kalten Winden, die durch Mark und Bein gehen, gepaart gleichen Tags mit heissen, gefährlichen Wüstenwinden vom Norden her, charakterisieren das unerbittliche Klima. Ein tägliches Temperaturwechselbad, an das man sich mit Socken und Schals, T-Shirts und Sonnenhut besser gewöhnen sollte.

Foto 2-5

Das Cottage meiner Schwester

Gisborne ist ein Dorf auf dem Land, eine Autostunde entfernt von Melbourne und liegt in den Hügeln. Früher wohnten mehrheitlich Farmer hier. Die Veränderung kam mit dem freeway, der nun nach Gisborne führt und somit sind die Quartiere mit Pendlern gewaltig gewachsen. Wo früher Bush war, stehen heute viele prachtvolle Einfamilienhäuser mit Range Rover, Mercedes und Jeeps vor dem Haus. Die Grundstücke sind gross, die meist einstöckigen Häuser umrandet von einladenden Veranden, strahlen ländliche Gemütlichkeit aus. Die kleineren Cottages sind einfacher gebaut, aussen mit farbig bemalten weather boards (Holzbrettern), die Kamine aus Ziegelsteinen, die Dächer aus Wellblech von denen sich bestens das Regenwasser in Wassertanks als Trinkwasser sammeln lässt. Sie sind schlecht isoliert und nicht unterkellert. Socken und Bettflasche nicht vergessen. In den Städten hat sich eine neue Architektur entwickelt mit traditionellen australischen Merkmalen.

Der kleinste Kontinent ist auch in seiner Geschichte von gewaltigen Gegensätzen geprägt. Er war bereits vor 40’000 bewohnt, aber erst seit 250 Jahren von Weissen entdeckt und kolonialisiert. 1901 erst wurde das erste Parlament Australiens gegründet. In diesem Licht habe ich in dreissig Jahren „unterwegs“  Erfahrung, eine sehr lange und wichtige Zeitspanne erlebt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.